Die Komplet (von lateinisch *completorium* = „Vollendung“) ist das Nachtgebet der Kirche und der letzte der sieben Horen des Stundengebets. Seit den Anfängen des Mönchtums wird sie gebetet, um den Tag liturgisch zu beschließen. Ihre Struktur ist klar und tiefgründig: Sie beginnt mit dem Ruf „Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde“ und der Antwort „Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile mir zu helfen.“ Es folgt ein Hymnus, der die Nacht thematisiert, wie der bekannte Hymnus „Christe, du bist der helle Tag“. Danach wird Psalm 91 gebetet („Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt“), der von der Geborgenheit in Gott handelt.
Der Höhepunkt der Komplet ist das Canticum des Simeon, das „Nunc dimittis“: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast“ (Lk 2,29-31). Dieses Lied des greisen Simeon, der den Frieden gefunden hat, nachdem er den Erlöser gesehen hat, ist der geistliche Höhepunkt des Tagesabschlusses. Die Komplet endet mit einem Vaterunser, einem Schlussgebet, dem marianischen Schlussgesang („Salve Regina“ oder „Alma Redemptoris Mater“) und dem Segen: „Der allmächtige Gott schenke uns eine erquickende Nacht und ein seliges Ende.“
Die Komplet ist eine wunderbare Möglichkeit, am Stundengebet der Kirche teilzuhaben, auch als Laie. Sie ist kurz genug, um nach einem anstrengenden Tag gebetet zu werden, und doch so tief, dass sie die Seele wirklich zur Ruhe bringt. Der heilige Benedikt von Nursia legte in seiner Regel großen Wert auf die Komplet. Er sah darin eine Schule des vertrauensvollen Sterbens: Jede Nacht ist eine kleine Probe für den großen Schlaf des Todes, aus dem uns Gott am Morgen der Auferstehung wecken wird.
Die Gewissenserforschung (*Examen conscientiae*) ist ein zentraler Bestandteil des katholischen Abendgebets. Der heilige Ignatius von Loyola hat diese Praxis in seinen „Geistlichen Übungen“ besonders hervorgehoben. Sie ist ein liebevoller Blick auf den vergangenen Tag im Licht der Gegenwart Gottes. Die Gewissenserforschung folgt einem einfachen, aber wirkungsvollen Schema: Zunächst stellt man sich in die Gegenwart Gottes und bittet um Licht. Dann schaut man auf den Tag zurück: Wofür bin ich dankbar? Wo habe ich versagt? Wo habe ich andere verletzt? Der dritte Schritt ist die Reue und die Bitte um Vergebung. Der vierte Schritt ist der Vorsatz für den nächsten Tag. Der fünfte und letzte Schritt ist der Dank.
Der heilige Franz von Sales riet: „Prüfe dein Gewissen ohne Ängstlichkeit, aber mit Ernst.“ Die Gewissenserforschung ist keine neurotische Selbstanklage, sondern eine ehrliche und demütige Bestandsaufnahme. Sie schärft den Blick für die kleinen Wunder des Alltags und für die subtilen Versuchungen. Sie ist eine tägliche Schule der Heiligkeit. Der heilige Johannes Paul II. nannte das Gewissen das „geheimnisvolle Heiligtum“ des Menschen. Die abendliche Gewissenserforschung ist der Schlüssel zu diesem Heiligtum. Indem wir den Tag vor Gott betrachten, lassen wir uns von ihm formen und werden so nach und nach zu dem Menschen, der er für uns vorgesehen hat.
Das Dankgebet ist das Herzstück eines jeden Abendgebets. Der heilige Paulus ermahnt uns: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch“ (1 Thess 5,18). Das Abendgebet ist der ideale Zeitpunkt, um diese Haltung der Dankbarkeit zu kultivieren. Es lenkt unseren Blick von dem, was uns fehlt, auf das, was uns geschenkt wurde. Ein einfaches Dankgebet kann mit den Worten beginnen: „Herr, ich danke dir für diesen Tag. Ich danke dir für das Licht des Morgens, für die Kraft, die du mir geschenkt hast, für die Menschen, die mir begegnet sind.“
Das Dankgebet umfasst nicht nur die angenehmen Dinge. Der heilige Franz von Assisi dankte Gott sogar für seine Leiden, denn er sah darin eine Gelegenheit, Christus ähnlicher zu werden. Indem wir auch für die schweren Momente danken, verwandeln wir sie in Quellen des Segens. Der „Große Dank“ aus der byzantinischen Tradition preist Gott für alles, was er für uns getan hat: „Der du zu jeder Zeit und zu jeder Stunde, im Himmel und auf Erden angebetet und verherrlicht wirst, Christus, unser Gott ...“ Das Dankgebet am Abend ist ein Vorgeschmack auf die ewige Danksagung im Himmel.
Das Abendgebet mit Kindern ist eine der schönsten und nachhaltigsten Formen der Glaubensweitergabe. Es schafft eine Atmosphäre der Geborgenheit und des Friedens. Kinder haben ein natürliches Gespür für das Heilige und für Rituale. Das Abendgebet gibt dem Tag einen festen, vertrauten Rahmen und hilft dem Kind, zur Ruhe zu kommen. Kurze, einprägsame Gebete eignen sich besonders gut: „Müde bin ich, geh zur Ruh“ von Luise Hensel ist ein Klassiker. Auch das Segnen der Kinder ist ein wunderbares Ritual: Die Eltern können ein Kreuzzeichen auf die Stirn des Kindes machen und es segnen: „Der Herr segne dich und behüte dich“ (Num 6,24-25).
Ältere Kinder können in die Gestaltung des Abendgebets einbezogen werden. Sie können eigene Fürbitten formulieren oder aus der Bibel vorlesen. Das gemeinsame Beten des Vaterunsers schafft eine tiefe Verbundenheit. Der heilige Johannes Bosco legte großen Wert auf das abendliche Familiengebet. Er wusste, dass die Familie die „Hauskirche“ ist, in der der Glaube gelebt und weitergegeben wird. Das Abendgebet ist der Schlussstein dieser Hauskirche, der Tag, der gemeinsam vor Gott gebracht und gesegnet wird.
Nicht jeder Abend erlaubt eine lange Gebetszeit. Für solche Tage gibt es kurze, kraftvolle Gebete, die dennoch den Tag würdig abschließen. Ein klassisches kurzes Abendgebet ist: „In deine Hände, Herr, lege ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott“ (vgl. Ps 31,6). Dieses Gebet wurde von Jesus selbst am Kreuz gebetet und ist der vollkommene Ausdruck des Vertrauens. Ein weiteres kurzes Gebet ist: „Behüte mich, Herr, wie einen Augapfel im Auge, birg mich im Schatten deiner Flügel“ (Ps 17,8).
Der heilige Patrick von Irland betete ein kurzes Abendgebet, das bis heute in der katholischen Tradition lebendig ist: „Christus mit mir, Christus vor mir, Christus hinter mir, Christus in mir, Christus unter mir, Christus über mir, Christus zur Rechten, Christus zur Linken.“ Diese Worte umfassen den Beter wie ein schützender Mantel. Auch das Gebet „Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter, der Tag vergeht, die Nacht beginnt. Herr, behüte uns in dieser Nacht. Amen.“ ist ein einfaches, aber tiefes Abendgebet, das den Tag unter den Schutz Gottes stellt.
Das wichtigste ist, dass das Abendgebet zur festen Gewohnheit wird, egal wie kurz es ist. Der heilige Franz von Sales empfahl: „Bete am Abend, auch wenn du nur einen einzigen Satz sprichst. Aber sprich ihn mit ganzem Herzen.“ Die Regelmäßigkeit ist wichtiger als die Länge. Ein tägliches Abendgebet, mag es noch so kurz sein, ist ein Anker in der Hektik des Lebens und ein sicherer Weg zu innerem Frieden und geistlichem Wachstum.
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