Der heilige Franziskus von Assisi ist zweifellos einer der bekanntesten und zugleich rätselhaftesten Heiligen der katholischen Kirche. Seine radikale Nachfolge Christi, seine innige Liebe zur Schöpfung und seine unerschütterliche Treue zur Armut haben Generationen von Christen inspiriert und herausgefordert. In einer Zeit des Umbruchs, geprägt von Kreuzzügen, wirtschaftlichem Aufschwung und kirchlicher Machtfülle, setzte Franziskus ein Zeichen der Demut, der Freude und der brüderlichen Liebe, das bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Dieser Artikel taucht tief in das Leben, die Wunder und das unvergängliche Vermächtnis dieses außergewöhnlichen Heiligen ein, dessen Spiritualität weit über die Mauern der Klöster hinaus in die Herzen der Menschen und in die Diskurse unserer Zeit hineinwirkt.

Das Leben des heiligen Franziskus: Vom reichen Kaufmannssohn zum Bettelmönch

Franziskus wurde um das Jahr 1181 in der italienischen Stadt Assisi als Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro di Bernardone und seiner Frau Pica geboren. Bei der Taufe erhielt er den Namen Giovanni, doch sein Vater, der von einer Handelsreise aus Frankreich zurückkehrte, nannte ihn fortan Francesco – der Franzose. Diese frühe Prägung durch den väterlichen Handel und die französische Kultur sollte sein Leben jedoch nicht bestimmen. Der junge Franziskus war bekannt für seine ausgelassene Lebensfreude, seine Großzügigkeit und seinen Hang zum Luxus. Er träumte von Ritterehre und Ruhm, ein Traum, der ihn in den Krieg zwischen Assisi und Perugia führte. In der Schlacht von Collestrada (1202) wurde er gefangen genommen und verbrachte ein Jahr in einem feuchten Kerker in Perugia. Diese Zeit der Gefangenschaft und eine schwere Krankheit nach seiner Freilassung legten den Grundstein für eine tiefgreifende innere Wandlung. Die glanzvollen Feste und die Jagd nach Anerkennung begannen, ihren Reiz zu verlieren. Franziskus spürte eine wachsende Leere in sich, die durch die weltlichen Freuden nicht mehr gefüllt werden konnte. Er begann, die Welt mit anderen Augen zu sehen, und eine unbestimmte Sehnsucht nach einem tieferen Sinn erfasste sein Herz.

Der Wendepunkt in seinem Leben war kein plötzlicher Blitzschlag, sondern ein allmählicher Prozess des Loslassens. Nach seiner Rückkehr nach Assisi zog er sich immer häufiger in einsame Höhlen und verfallene Kirchen zurück, um zu beten. Er begann, die Armen und Aussätzigen zu suchen, vor denen er zuvor angewidert die Flucht ergriffen hatte. In einer berühmten Begebenheit begegnete er einem Aussätzigen am Straßenrand. Überwältigt von Ekel und der inneren Stimme Christi, der in den Geringsten gegenwärtig ist, überwand er sich, stieg vom Pferd, umarmte den Kranken und gab ihm sein Geld. In diesem Moment, so schrieb er später im Testament, wurde ihm das Bittere süß. Diese Begegnung war der Anfang einer neuen Existenz. Franziskus begann, die Welt nicht mehr aus der Perspektive des Besitzes und der Macht zu sehen, sondern aus der Perspektive der Hingabe und der Liebe. Er gab seine kostbaren Kleider ab, tauschte den Gürtel gegen einen Strick und begann, als Bettler von Tür zu Tür zu gehen. Für seinen Vater, der einen angesehenen Erben und Nachfolger seines Geschäfts erwartete, war dies eine unerträgliche Schande. Der Konflikt eskalierte, als Franziskus heimlich Stoffballen aus dem väterlichen Lager verkaufte, um eine verfallene Kirche zu renovieren. Pietro di Bernardone verklagte seinen Sohn vor dem Bischof von Assisi. Vor dem versammelten Volk legte Franziskus nicht nur das Geld zurück, sondern entkleidete sich völlig und gab seinem Vater die Kleider zurück, die er von ihm erhalten hatte. Nackt stand er da und sprach die denkwürdigen Worte: "Bisher habe ich Pietro di Bernardone meinen Vater genannt. Von nun an aber kann ich sagen: Vater unser, der du bist im Himmel." Der Bischof, tief bewegt, hüllte den jungen Mann in seinen Mantel. Dieser Akt der radikalen Entblößung war die symbolische Hochzeit mit der Armut und der endgültige Bruch mit der Welt des Besitzes und der familiären Erwartungen.

Die Bekehrung des Franziskus: Die Stimme von San Damiano

Die innere Wende des Franziskus fand ihren deutlichsten Ausdruck in einem mystischen Erlebnis in der kleinen, halb verfallenen Kirche San Damiano vor den Toren Assisis. Es war das Jahr 1205. Franziskus, der sich nach einem Leben der Stille und des Gebets sehnte, kniete vor dem romanischen Kruzifix nieder, das noch heute in der Basilika Santa Chiara in Assisi verehrt wird. Während er innig betete, geschah das Außergewöhnliche: Das Kruzifix begann zu leuchten, und eine Stimme sprach zu ihm: "Franziskus, geh und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz in Verfall geraten ist." Diese Worte trafen Franziskus wie ein Pfeil. Er verstand sie zunächst ganz wörtlich. Er sah die bröckelnden Mauern der kleinen Kirche und begann sofort, Steine zu sammeln und eigenhändig zu mauern. Er bettelte um Öl für die Lampe und um Baumaterial. Dieses Ereignis war der entscheidende Impuls, der ihn endgültig aus seiner bisherigen Lebensbahn warf. Die Stimme von San Damiano war der göttliche Befehl, der seine Suche nach einem neuen Leben konkretisierte. Es war nicht nur ein Auftrag zur Renovierung eines Gebäudes, sondern die prophetische Ankündigung seiner Lebensaufgabe: die Erneuerung der Kirche Christi von innen her, durch die Rückbesinnung auf das Evangelium.

Die Botschaft des Kruzifixes von San Damiano ist von tiefer theologischer Bedeutung. Es zeigt Christus nicht als triumphierenden König, sondern als leidenden, aber siegreichen Gott. Seine Augen sind weit geöffnet, sein Körper ist lebendig, und er scheint den Betrachter direkt anzusprechen. Franziskus erkannte in diesem Bild die radikale Selbstentäußerung Gottes (Kenosis), der sich aus Liebe bis zum Tod am Kreuz erniedrigte. Diese Liebe, die keine Grenzen kennt, wurde zum Maßstab seines eigenen Lebens. Die Aufforderung "Stelle mein Haus wieder her" ist daher nicht als bloßer Bauauftrag zu verstehen. Sie ist der Ruf, die Kirche, die in jener Zeit unter Machtmissbrauch, Reichtum und geistlicher Lauheit litt, durch ein Leben in radikaler Evangeliumsnachfolge zu reformieren. Franziskus sollte kein neues Gebäude errichten, sondern eine lebendige Gemeinschaft formen, die auf den Fundamenten der Demut, der Armut und der brüderlichen Liebe ruht. Die Kirche San Damiano wurde später zum ersten Kloster der heiligen Klara und ihrer Gefährtinnen, ein Ort, von dem aus die Erneuerung der Kirche durch Gebet und Kontemplation bis heute fortwirkt. Die Stimme von San Damiano ist der Ursprungspunkt der franziskanischen Bewegung, ein Ruf, der durch die Jahrhunderte hallt und jeden Christen einlädt, die "Ruinen" des eigenen Herzens und der Gemeinschaft der Gläubigen wieder aufzubauen.

Franziskus und die Armut: Die Hochzeit mit der Frau Armut

Die Armut war für Franziskus nicht einfach ein soziales oder asketisches Programm, sondern die Geliebte, die "Frau Armut", der er sich in einer mystischen Hochzeit vermählte. In einer Zeit, in der die Kirche über enorme Ländereien und politische Macht verfügte und viele Klöster zu reichen Grundbesitzern geworden waren, predigte Franziskus die vollkommene Besitzlosigkeit. Er berief sich dabei auf das Vorbild Jesu, der sagte: "Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann" (Mt 8,20). Für Franziskus war die Armut der Schlüssel zur wahren Freiheit. Sie befreite den Menschen von der Sorge um das Morgen, von der Angst vor Verlust und von der Gier nach Besitz. Sie machte den Menschen leicht und bereit, Gott und dem Nächsten zu dienen. In seiner "Ermahnung" schreibt er: "Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Viele beten und singen und predigen viel, aber wer nicht Werke der Demut und der Liebe tut, der ist arm im Geiste nicht." Armut bedeutete für ihn nicht Elend, sondern eine Form der Gottähnlichkeit, eine radikale Gottverbundenheit.

Diese Haltung führte zu einem radikalen Lebensstil. Franziskus und seine ersten Brüder besaßen nichts: kein Haus, kein Land, keine Bücher (außer dem Brevier zum Gebet), keine Vorräte. Sie lebten von der Hand in den Mund, von der Arbeit ihrer Hände oder von Almosen. Sie schliefen in Hütten, Höhlen oder unter freiem Himmel. Diese "minderen Brüder" (Fratres Minores) verstanden sich als die Geringsten in der Gesellschaft, als Fremde und Pilger auf Erden. Franziskus sah in der Armut eine königliche Würde. In seinem "Sonnengesang" preist er Gott für "unsere Schwester, die leibliche Armut". Diese Haltung war eine scharfe Kritik an der Habgier seiner Zeit, aber auch eine prophetische Alternative. Er zeigte, dass ein erfülltes Leben nicht in der Anhäufung von Gütern liegt, sondern im Teilen, im Vertrauen auf die göttliche Vorsehung und in der brüderlichen Gemeinschaft. Der heilige Bonaventura, ein großer Theologe des Franziskanerordens, beschreibt diese Haltung in seiner Franziskuslegende: "Da er nun ganz arm war und nichts Weltliches besaß, so hielt er die Armut für seine liebe Mutter und war unablässig bemüht, sie in allen Dingen zu umfangen und zu bewahren." Diese "Hochzeit mit der Frau Armut" war keine düstere Askese, sondern eine Quelle tiefer Freude und Freiheit, die Franziskus als "vollkommene Freude" bezeichnete – eine Freude, die selbst im Leid und in der Verachtung bestehen kann.

Die Gründung des Franziskanerordens

Die Gründung des Franziskanerordens geschah nicht als Ergebnis eines ausgeklügelten Plans, sondern wuchs organisch aus der Anziehungskraft von Franziskus' Lebensweise. Nachdem er sich in San Damiano und später in der Portiuncula-Kapelle (Santa Maria degli Angeli) niedergelassen hatte, begannen andere Männer, sich ihm anzuschließen. Der erste war Bernhard von Quintavalle, ein reicher und angesehener Bürger Assisis. Er verkaufte all seinen Besitz und gab das Geld den Armen. Ihm folgten Petrus Catanii, ein Rechtsgelehrter, und der einfache, aber fromme Bruder Egidio. Im Jahr 1209 waren sie bereits zu zwölf Brüdern angewachsen. Franziskus erkannte, dass diese kleine Gemeinschaft einer Regel bedurfte. Er schrieb eine kurze, einfache Regel, die fast ausschließlich aus wörtlichen Zitaten aus den Evangelien bestand: "Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen" (Mt 19,21) und "Nehmt nichts mit auf den Weg" (Lk 9,3). Mit dieser Regel und elf Gefährten machte sich Franziskus auf den Weg nach Rom, um die Bestätigung von Papst Innozenz III. zu erlangen.

Die Audienz beim Papst war ein entscheidender Moment. Innozenz III., einer der mächtigsten Päpste des Mittelalters, war zunächst skeptisch. Die Idee einer Bettelgemeinschaft ohne Besitz und ohne feste Klöster erschien ihm zu radikal und unkontrollierbar. In einer Vision, so die Überlieferung, sah der Papst jedoch, wie die Lateranbasilika, die Mutterkirche der Christenheit, einzustürzen drohte und von einem kleinen, armselig gekleideten Mönch gestützt wurde. Er erkannte in Franziskus den Mann, der die Kirche durch seine Demut und seinen Gehorsam stützen würde. Daraufhin genehmigte der Papst mündlich die Regel und erteilte den Brüdern die Erlaubnis, die Buße zu predigen. Dies war die Geburtsstunde des Franziskanerordens (Ordo Fratrum Minorum). Die Brüder kehrten nach Assisi zurück und ließen sich in der Portiuncula-Kapelle nieder, die zum geistlichen Zentrum des Ordens wurde. Von hier aus zogen sie zu zweit in die Welt hinaus, predigten das Evangelium, dienten den Aussätzigen und Armen und lebten von der Arbeit ihrer Hände. Ihre Botschaft war einfach: Friede und Gutes! ("Pax et Bonum"). Die Bewegung wuchs rasant. Schon bald zählte der Orden Tausende von Brüdern in ganz Italien und darüber hinaus. Die ursprüngliche, rein evangeliumsgemäße Lebensweise musste jedoch zunehmend in rechtliche und organisatorische Bahnen gelenkt werden, was zu Spannungen und schließlich zur Überarbeitung der Regel durch Papst Honorius III. im Jahr 1223 führte. Franziskus, der die ursprüngliche Radikalität bewahren wollte, zog sich immer mehr aus der Leitung des Ordens zurück und widmete sich ganz dem Gebet und der Buße.

Die heilige Klara und der zweite Orden

Die Botschaft des Franziskus erreichte auch die Herzen der Frauen. Die berühmteste unter ihnen war Klara von Assisi (1193-1253), eine junge Adlige aus vornehmer Familie. In der Palmsonntagsnacht des Jahres 1211 floh sie heimlich aus dem väterlichen Palast und suchte Franziskus in der Portiuncula-Kapelle auf. Franziskus empfing sie und schnitt ihr als Zeichen der Hingabe das Haar ab. Er kleidete sie in ein einfaches Büßergewand und legte damit den Grundstein für den "Zweiten Orden", die Klarissen. Klara wurde in das Benediktinerinnenkloster San Paolo bei Bastia gebracht, doch ihr Vater versuchte vergeblich, sie mit Gewalt zurückzuholen. Schließlich fand sie ihre endgültige Heimat in der kleinen Kirche San Damiano, dem Ort von Franziskus' Bekehrung. Hier gründete sie eine Gemeinschaft von Frauen, die in strenger Klausur, Armut und Gebet lebten. Franziskus schrieb für sie eine kurze Lebensform, die auf dem Evangelium basierte. Das herausragende Merkmal der Klarissen war das "Privileg der Armut", das Klara vom Papst erwirkte: das Recht, keinerlei Besitz zu haben, weder einzeln noch gemeinsam. Dies war eine Revolution, denn alle anderen Frauenklöster besaßen Ländereien und Einkünfte.

Die Beziehung zwischen Franziskus und Klara war von tiefer geistlicher Freundschaft geprägt. Franziskus nannte sie "die kleine Pflanze des heiligen Vaters" und "Christiana" (die Christin). Klara war seine treueste Schülerin und zugleich eine starke, eigenständige Persönlichkeit. Sie war die erste Frau, die eine Ordensregel für Frauen schrieb, die von einem Papst bestätigt wurde. In ihren Briefen an die heilige Agnes von Prag entfaltet sie eine tiefe Theologie der Armut und der Nachfolge Christi. Sie schreibt: "Umarme den armen Christus, der für dich arm wurde, und folge ihm nach in Armut." Klara war eine Frau der Kontemplation und des Gebets. Der Überlieferung nach soll sie einst, als die Sarazenen das Kloster San Damiano angriffen, die Monstranz mit dem Allerheiligsten ergriffen haben, woraufhin die Angreifer flohen. Sie starb 1253, zwei Jahre nachdem die Regel ihres Ordens endgültig bestätigt worden war. Ihr Vermächtnis ist ein Zeugnis dafür, dass die radikale Armut und die Hingabe an Gott nicht nur eine Sache der Männer war, sondern dass Frauen in der Kirche eine ebenso prophetische und prägende Rolle spielen können. Die Klarissen leben bis heute in aller Welt und bewahren den Geist der Stille, des Gebets und der brüderlichen Liebe, der von San Damiano ausging.

Die Wundmale des heiligen Franziskus

Das wohl tiefste und geheimnisvollste Ereignis im Leben des heiligen Franziskus war die Empfangung der Wundmale (Stigmata) Christi. Es geschah im September 1224, zwei Jahre vor seinem Tod. Franziskus hatte sich zur Vorbereitung auf das Michaelisfest auf den Berg La Verna in der Toskana zurückgezogen. Er war allein, fastend und betend, versunken in die Betrachtung des Leidens Christi. In einer Vision erschien ihm ein Seraph mit sechs Flügeln, der an ein Kreuz geheftet war. Als die Vision verschwand, blieben an seinem Körper die Wundmale des Gekreuzigten zurück: an seinen Händen und Füßen die Nägelmale, an seiner Seite eine Wunde, aus der Blut austrat. Franziskus war der erste Mensch in der Kirchengeschichte, dem die Stigmata verliehen wurden. Dieses Ereignis ist ein einzigartiges Zeichen der tiefsten Vereinigung mit Christus. Der heilige Bonaventura schreibt in seiner Legende: "Daher war er nicht nur ein Liebhaber Christi, sondern er wurde ihm auch gleichförmig, indem er die Ähnlichkeit seines Leidens an seinem Leibe trug." Die Wundmale waren kein Makel, sondern eine göttliche Auszeichnung, ein Siegel der vollkommenen Nachfolge.

Die Stigmatisation ist ein Mysterium, das die Theologen seit jeher beschäftigt. Sie ist kein physisches Trauma im medizinischen Sinne, sondern ein übernatürliches Geschehen, das die tiefe, existenzielle Teilhabe an der Passion Christi sichtbar macht. Franziskus selbst war zutiefst beschämt und versuchte, die Wunden zu verbergen. Er trug Socken und Handschuhe, um sie zu verstecken. Nur seinen engsten Brüdern zeigte er sie. Die Wundmale waren für ihn eine Quelle der Freude, aber auch der tiefen Schmerzen, die ihn körperlich sehr schwächten. Sie waren die letzte und vollendende Gleichgestaltung mit seinem Herrn. In der franziskanischen Spiritualität sind die Stigmata ein Aufruf, das Leiden Christi nicht nur intellektuell zu betrachten, sondern es im eigenen Leben anzunehmen und mitzutragen. Sie sind ein Zeichen der Solidarität mit allen Leidenden und Gekreuzigten dieser Welt. Papst Benedikt XVI. sagte einmal: "Franziskus ist derjenige, der Christus am ähnlichsten geworden ist. Er hat die Wundmale empfangen, die das Siegel der vollkommenen Nachfolge sind." Die Stigmata des Franziskus sind ein bleibendes Zeichen dafür, dass die Liebe zu Christus den ganzen Menschen verwandeln kann, bis hinein in seinen Leib.

Der Sonnengesang: Das Lob der Schöpfung

Der "Sonnengesang" (Cantico delle Creature) ist das berühmteste Gedicht des heiligen Franziskus und eines der ersten literarischen Werke in italienischer Sprache. Er entstand im Jahr 1225, als Franziskus bereits schwer krank und fast erblindet war. In einem kleinen Schuppen neben der Portiuncula-Kapelle, geplagt von Schmerzen und der Kälte des Winters, dichtete er dieses Lied des Lobes. Es ist ein Zeugnis seiner unerschütterlichen Freude und Dankbarkeit, die selbst im tiefsten Leid nicht versiegte. Der Sonnengesang preist Gott durch alle Geschöpfe: "Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal der Frau Schwester Sonne, die uns den Tag bringt und das Licht." Franziskus nennt die Sonne "Frau" und den Mond "Schwester", das Wasser "Bruder" und den Tod "Schwester". Diese Geschwisterlichkeit mit der Schöpfung ist keine romantische Naturverliebtheit, sondern eine tiefe theologische Erkenntnis: Alle Geschöpfe sind von Gott geschaffen und daher unsere Geschwister. Sie sind Zeichen der Güte und Schönheit Gottes. Der Sonnengesang ist ein Lobpreis, der die gesamte Schöpfung in eine einzige große Danksagung an den Schöpfer einbezieht.

Die Botschaft des Sonnengesangs ist heute aktueller denn je. In einer Zeit der ökologischen Krise und der Ausbeutung der Natur erinnert uns Franziskus daran, dass wir nicht Herren der Schöpfung sind, sondern ihre Hüter und Brüder. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika "Laudato Si'" (2015) den Sonnengesang zum Leitmotiv seines Aufrufs zum Schutz des gemeinsamen Hauses gemacht. Der Sonnengesang ist ein Aufruf zu einer "integralen Ökologie", die die Verbindung zwischen der Sorge für die Umwelt, der Gerechtigkeit für die Armen und dem Frieden unter den Menschen sieht. Besonders bemerkenswert ist die letzte Strophe, die den "leiblichen Tod" als "Schwester" preist: "Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester, den leiblichen Tod." Franziskus hat keine Angst vor dem Tod, denn er ist die Pforte zum ewigen Leben. Diese Haltung ist die Krönung seines Glaubens: Alles, auch das Schwerste und Endgültige, kann in das Lob Gottes einbezogen werden. Der Sonnengesang ist das Vermächtnis eines Menschen, der gelernt hat, in allem und durch alles Gott zu lieben. Er ist ein Lied der Versöhnung mit Gott, mit den Menschen, mit der Schöpfung und mit sich selbst.

Die Weihnachtskrippe von Greccio

Eine der schönsten und volkstümlichsten Traditionen, die auf den heiligen Franziskus zurückgeht, ist die Feier der Weihnachtskrippe. Im Jahr 1223, drei Jahre vor seinem Tod, wollte Franziskus das Geheimnis der Menschwerdung Gottes so anschaulich wie möglich feiern. Er wandte sich an seinen Freund, den Adligen Giovanni Velita, und bat ihn um Hilfe. In der kleinen italienischen Stadt Greccio, in einer Felsengrotte oberhalb des Ortes, richtete Franziskus eine lebendige Krippe ein. Er ließ eine Futterkrippe mit Heu füllen, einen Ochsen und einen Esel herbeiführen und stellte eine einfache Holzkrippe auf. In der Heiligen Nacht feierte ein Priester die Messe über dieser Krippe. Franziskus selbst, der zum Diakon geweiht war, sang das Evangelium. Die Gläubigen strömten mit Kerzen und Fackeln herbei, und die ganze Nacht hallte der Lobgesang durch die Berge. Der Überlieferung nach soll Franziskus das Jesuskind in der Krippe gesehen haben, das lebendig wurde und ihn anlächelte. Diese Feier war kein bloßes Theater, sondern eine tiefe mystische Erfahrung. Franziskus wollte die Menschen die "Armut von Bethlehem" buchstäblich sehen, riechen und spüren lassen. Er wollte die Herzen für die unbegreifliche Demut Gottes öffnen, der als hilfloses Kind in diese Welt kam.

Die Weihnachtskrippe von Greccio ist der Ursprung aller späteren Krippendarstellungen. Franziskus hat damit das Weihnachtsfest revolutioniert. Er hat es aus der rein liturgischen Feier in die Herzen und Häuser der Menschen getragen. Die Krippe ist eine "Schule der Demut". Sie zeigt, dass Gott nicht in Macht und Glanz kommt, sondern in der Verletzlichkeit eines Kindes. Sie lehrt uns, die Einfachheit zu lieben und die Kleinen und Armen zu achten. Die Botschaft von Greccio ist eine Einladung, Weihnachten nicht nur als kommerzielles Fest zu feiern, sondern als das Geheimnis der Nähe Gottes. In der Krippe wird sichtbar, was Franziskus sein ganzes Leben lang predigte: Gott ist arm geworden, um uns reich zu machen. Die Tradition der Krippe ist ein lebendiges Erbe des heiligen Franziskus, das jedes Jahr aufs Neue die Herzen der Menschen berührt und an die tiefste Wahrheit des christlichen Glaubens erinnert: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh 1,14).

Der Tod und die Heiligsprechung des Franziskus

Die letzten Jahre des heiligen Franziskus waren von schweren körperlichen Leiden geprägt. Die Stigmata schmerzten, seine Augen waren fast erblindet, und sein Magen war durch die jahrelange Askese zerstört. Dennoch blieb er voller Freude und Dankbarkeit. Im Sommer 1226, als er spürte, dass sein Ende nahte, ließ er sich in seine geliebte Portiuncula-Kapelle bringen, den Ort, an dem alles begonnen hatte. Er wollte dort sterben, wo er die Berufung zum Leben in Armut empfangen hatte. Auf dem Weg dorthin ließ er sich noch einmal nach San Damiano tragen, um Klara und ihre Schwestern zu segnen. In der Portiuncula angekommen, ließ er sich nackt auf die bloße Erde legen, als Zeichen seiner vollkommenen Armut und seiner Zugehörigkeit zu Christus. Er bat um sein Gewand, den Strick und die Hose, ließ sich mit Asche bestreuen und begann, den 141. Psalm zu beten: "Mit lauter Stimme rufe ich zum Herrn." Seine Brüder standen weinend um ihn herum. Franziskus segnete sie alle, besonders seinen engsten Gefährten Bruder Elias. Er bat darum, das Evangelium vom Gründonnerstag vorzulesen, in dem Jesus die Füße wäscht. Am Abend des 3. Oktober 1226, gegen Sonnenuntergang, verschied er. Es heißt, dass ein Lerchenschwarm, den er sehr liebte, über der Kapelle kreiste und sang.

Sein Tod war der eines Heiligen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Schon am nächsten Tag wurde sein Leichnam in einer feierlichen Prozession nach Assisi getragen. Die Menschen strömten herbei, um den "Poverello" (den armen Mann) ein letztes Mal zu sehen. Man erkannte die Wundmale an seinem Körper. Nur zwei Jahre später, am 16. Juli 1228, sprach Papst Gregor IX., ein Freund und Förderer des Franziskus, ihn in Assisi heilig. Der Papst legte persönlich den Grundstein für die prächtige Basilika, die zu Ehren des Heiligen errichtet werden sollte. Die Heiligsprechung war eine Bestätigung der außergewöhnlichen Heiligkeit des Franziskus, aber auch eine Anerkennung seines Ordens und seiner Botschaft. Die Basilika des heiligen Franziskus in Assisi, die seine Grabstätte birgt, wurde zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der Christenheit. Sie ist ein Zeugnis dafür, dass die Kirche die Radikalität des Evangeliums, wie Franziskus sie lebte, nicht nur duldete, sondern als einen ihrer kostbarsten Schätze verehrt. Sein Tod war kein Ende, sondern ein Anfang. Die Saat, die er gesät hatte, ging auf und trug Früchte, die bis heute die Kirche und die Welt bereichern.

Das Franziskanische Leben heute

Das Vermächtnis des heiligen Franziskus ist kein Museumstück, sondern eine lebendige, dynamische Kraft, die bis heute in der Kirche und in der Welt wirkt. Der Franziskanerorden (OFM), der Kapuzinerorden (OFMCap) und der Konventualenorden (OFMConv) sind weltweit aktiv. Sie leben nach der Regel des heiligen Franziskus, die in einer aktualisierten Form bis heute gültig ist. Franziskaner sind in der Seelsorge, in der Mission, in der Wissenschaft und in der Sozialarbeit tätig. Sie betreiben Schulen, Krankenhäuser und Pfarreien. Ihr besonderes Augenmerk gilt den Armen, den Ausgegrenzten und den Geflüchteten. Die franziskanische Spiritualität ist geprägt von einer tiefen Freude, von der Brüderlichkeit und von einer großen Wertschätzung der Schöpfung. Viele Franziskaner engagieren sich heute im Umweltschutz, im interreligiösen Dialog und in der Friedensarbeit. Der Geist des Franziskus lebt auch in der "Franziskanischen Gemeinschaft" und in den vielen "Dritten Orden" (heute: Franziskanische Gemeinschaften), in denen Laien, also Menschen, die nicht in einem Kloster leben, die franziskanische Spiritualität in ihrem Alltag verwirklichen.

Die Aktualität des heiligen Franziskus ist verblüffend. In einer Welt der Konsumgier und des Materialismus predigt er die Freiheit der Armut. In einer Welt der Kriege und der Gewalt predigt er den Frieden. In einer Welt der Umweltzerstörung predigt er die Geschwisterlichkeit mit der Schöpfung. In einer Welt der Vereinzelung predigt er die Gemeinschaft. Papst Franziskus hat mit der Wahl seines Namens ein deutliches Zeichen gesetzt: Er möchte die Kirche in die Fußstapfen des Heiligen von Assisi führen – eine Kirche, die arm ist für die Armen, die barmherzig ist und die den Dialog sucht. Der heilige Franziskus ist ein Heiliger für unsere Zeit. Er fordert uns heraus, unseren Lebensstil zu überdenken, unsere Beziehung zur Natur zu heilen und uns für die Geringsten einzusetzen. Er ist ein Vorbild der Hoffnung, das zeigt, dass ein Leben in Einfachheit, Freude und Liebe möglich ist. Seine Botschaft ist zeitlos: "Fang an, das zu tun, was notwendig ist; dann tu, was möglich ist; und plötzlich wirst du das Unmögliche tun." Der heilige Franziskus von Assisi, der "Poverello", bleibt ein leuchtender Stern am Himmel der Kirche, der uns den Weg zu Christus weist.

🙏 Support Our Mission

Your donation helps us continue daily Mass and spiritual support worldwide.

♥ Donate Now